Angstfrei führen

Volle Kraft und Gelassenheit voraus:

Angstfrei führen

Immer wieder wird uns in unseren Gesprächen mit Geschäftsführern, Vorständen oder Personalchefs ein besonderer Begriff um die Ohren gehauen: „angstfrei“! Es soll angstfrei bei ihnen im Unternehmen zugehen.

Angstfrei!? Das hört sich gut an. Und ist erstrebenswert. Und wenn wir dann nachfragen, was denn darunter verstanden wird, dann kommen Antworten wie: „Unsere Mitarbeiter sollen einfach keine Angst haben müssen, z.B. Fehler zu machen, oder ihre Ideen zu präsentieren, oder auch den Finger in die Wunde legen und sagen zu können, dass der Vorschlag vom Vorgesetzten eben nicht funktionieren wird.“

 

Und wenn das doch so viele wollen, warum haben wir in Deutschland dann Unternehmen, in denen anscheinend Angst herrscht? Meine Antwort darauf ist: „Weil wir alle selber mehr oder weniger aus Angst agieren.“ Und als Führungskraft Angst zu haben, produziert meiner Ansicht nach noch mehr Angst bei unseren Mitarbeitern.

Sie sind Führungskraft? Und Sie sind der Meinung, dass Ihr Führungsstil ganz passabel ist. Immerhin erreichen Sie vieles von dem was Sie wollen. Und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, Ihre Leute zu erreichen? Sie müssen ständig hinterher sein, dass die Dinge auch erledigt werden, die Sie haben wollen? Alle sind freundlich zu Ihnen, aber so richtig warm werden Sie mit keinem?

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Ihre Mitarbeiter sich in Gesprächen und in Meetings, bei denen Sie dabei sind, anders, zurückhaltender verhalten?

Wenn Sie Ihr eigenes Führungsverhalten analysieren:

  • Wie reagieren Sie, wenn ein Mitarbeiter etwas nicht so macht, wie Sie es sich vorstellen? Oder was sind die Worte, die Sie verwenden, wenn Sie einen Fehler entdecken?
  • Auf welche Weise leiten Sie Gesprächsrunden, Meetings ein?
  • Lassen Sie Ihren Emotionen freien Lauf?
  • Verlangen Sie von Ihren Mitarbeitern professionelles Verhalten und halten sich selbst für unfehlbar?
  • Sind Sie die eigentliche Fachkraft und wissen immer die Lösung?
  • Finden Sie, dass Ihre Mitarbeiter schneller arbeiten könnten, zumindest so schnell und gut wie Sie?
  • Reden Sie hinter verschlossenen Türen über Ihre Kollegen?
  • Finden Sie, dass Information lieber tröpfchenweise verabreicht werden sollte?
  • Ändern Sie Ihre Meinung ohne zu begründen warum?
  • Verstehen Sie unter Führung, dass Sie vorgeben müssen, wie und was und dass deshalb immer das Wort an Ihnen ist?
  • Sind Sie auf Betriebsfesten das unweigerliche Auge des Taifuns, um das alles kreist?

 ..... Ja, ich weiß! Ich übertreibe. Und doch sind dies alles Verhalten, welche in vielen Unternehmen von Führungskräften zum Teil an den Tag gelegt werden.

Ich frage mich dann immer wieder, wie es kommt, dass Menschen, die andere Menschen führen sollen, sich so benehmen und dadurch Unbehagen in ihrer Umgebung auslösen. Unweigerlich komme ich wieder auf den Punkt: Die haben einfach nur Angst.

Angst? „Was für Angst soll das sein?“, werden Sie sich fragen. Es ist wahrscheinlich die Angst, nicht als Führungskraft wahrgenommen zu werden, als nicht entscheidungsfähig gesehen zu werden, als schwach oder charakterschwach, als unmenschlich, nicht professionell, fachlich eine Niete, brutal, ungesellig usw. usf. Aber genau diese Angst verursacht auch, dass wir in den entscheidenden Momenten nicht mit klarem Verstand entscheiden und handeln.

So gesehen, werden wir als erstes unsere eigene Angst in den Griff bekommen müssen, um klar und mit unseren ganzen Kapazitäten führen zu können. Und darauf aufbauend lässt sich eine angstfreie Kultur etablieren.

Eine Führungskultur, in der Angst minimiert wird, ist eine humane Führungskultur! Was heißt das? Humanes – menschliches Führen geht vom Menschen aus. Er ist das Maß aller Dinge. Und vom Grundsatz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, also der Mensch an sich. Dass uns das Verhalten mancher Menschen nicht in den Kram passt, schließt das nicht aus.

Also, wenn einer Ihrer Mitarbeiter etwas nicht so macht, wie Sie es sich vorstellen, dann hat das etwas mit seiner Handlung zu tun. Nicht mit dem Menschen. Dann verlangt der Grundsatz der angstfreien Kultur, dass Sie sich dem Menschen gegenüber auch weiter respektvoll verhalten und die Handlung mit ihm persönlich analysieren und eine andere Handlungsweise vereinbaren. Wenn Sie Meetings, Gespräche, Jourfixe starten, dann verlangt die angstfreie Kultur von Ihnen, dass Sie auch das Positive sehen und benennen – auch wenn die Dinge gerade nicht so gut laufen.

In einer angstfreien Kultur sind unsere Mitarbeiter aufgefordert, ja es ist geradezu der Kern der Kultur, ihre eigene Meinung zu Themen, Vorgehensweisen, Lösungsansätzen, Problemen vollkommen frei und ohne Bewertung auf den Tisch zu legen. In einer angstfreien Unternehmenskultur wird nicht über Dritte schlecht gesprochen. Egal wer! Veränderungen werden vollständig kommuniziert und begründet. Konkretisierung ist der Schlüssel der gefühlten Sicherheit. Angstfreiheit erzeugen heißt also auch fassbare Ziele definieren und unsere Fachkräfte zur Ausführung heranziehen und diese deshalb auffordern, immer auf der Basis ihrer Spezialisierung bei der Lösungsfindung zu partizipieren. Es bedeutet auch, einfach mal den Rand zu halten und den Mitarbeitern wirklich zuzuhören. Und es bedeutet, dass Sie als Führungskraft maximal Primus inter Pares sein können. Keine Selbstinszenierung, kein Chef-Gehabe, keine Extrawürste. Wie sagte mein holländischer Mentor so schön: Gleiche Mönche – Gleiche Mützen!

Und wenn Sie sich all das aufs Revers schreiben, dann wird es auch möglich werden, dass Sie eine persönliche Beziehung zu Ihren direkten Kollegen (ob Mitarbeiter, hierarchisch gleichgestellter oder Chef) aufbauen können. Und das ist eine weitere Grundlage für eine angstfreie Führungskultur.

Um also eine angstfreie Führungskultur etablieren zu können, werden Sie zuallererst bei sich selbst anfangen müssen. Schauen Sie sich genau an, wie Sie mit Menschen umgehen. Wie viel Respekt Sie dem Menschen an sich entgegenbringen. Wie menschlich Sie sich verhalten. Und vermindern Sie Ihre eigene Angst! Wie? Nehmen Sie sich einfach nicht zu wichtig, das macht Sie im Ansatz schon human!